Manche Möbel sehen nach Jahrzehnten so selbstverständlich aus, dass man vergisst, wie radikal sie einmal waren. Ein Sessel aus gebogenem Stahlrohr, ein Stuhl auf einem einzigen Fuß, ein Freischwinger aus einem Guss: Jeder dieser Entwürfe hat eine Frage neu beantwortet. Die folgenden Ikonen zeigen, wie sich Material, Technik und Lebensgefühl in einem Möbelstück verdichten.
Was einen Klassiker ausmacht
Ein Klassiker ist mehr als ein alter Entwurf, der sich gut verkauft. Meist kommen drei Dinge zusammen: eine technische oder formale Neuerung, eine Gestalt, die auch losgelöst von ihrer Zeit überzeugt, und eine Produktion, die über Jahrzehnte gepflegt wurde. Viele Klassiker werden bis heute von Lizenzherstellern gefertigt, die die Rechte von den Gestaltern oder deren Erben erhalten haben.
Als einer der Urahnen gilt der Stuhl Nr. 14 von Michael Thonet aus dem Jahr 1859. Er bestand aus wenigen Teilen gebogenen Buchenholzes, wurde zerlegt verschickt und erst am Ziel verschraubt: In eine Kiste von einem Kubikmeter passten 36 Stühle. Damit war das Prinzip des industriell gefertigten Möbels in großer Serie etabliert, auf dem auch die Moderne des 20. Jahrhunderts aufbaut.
| Entwurf | Gestaltung | Jahr | Erster Hersteller |
|---|---|---|---|
| Wassily Chair (B3) | Marcel Breuer | 1925/26 | Standard-Möbel Lengyel & Co., Berlin |
| Chaiselongue LC4 | Le Corbusier, Pierre Jeanneret, Charlotte Perriand | 1928 | Thonet (ab 1930) |
| Barcelona Chair | Ludwig Mies van der Rohe, Lilly Reich | 1929 | Berliner Metallgewerbe Josef Müller |
| Butterfly Chair (BKF) | Antonio Bonet, Juan Kurchan, Jorge Ferrari-Hardoy | 1938 | Serienfertigung in den USA, ab 1947 Knoll |
| Wishbone Chair (CH24) | Hans J. Wegner | 1949 | Carl Hansen & Søn |
| Eames Lounge Chair | Charles und Ray Eames | 1956 | Herman Miller |
| Tulip Chair | Eero Saarinen | 1955/56 | Knoll |
| Egg Chair | Arne Jacobsen | 1958 | Fritz Hansen |
| Panton Chair | Verner Panton | vorgestellt 1967 | Vitra, für Herman Miller |
| Acapulco Chair | unbekannt | 1950er | handwerkliche Fertigung in Mexiko |
Stahlrohr und Avantgarde: 1925 bis 1938
Wassily Chair
Marcel Breuer leitete die Tischlerwerkstatt des Bauhauses in Dessau, als er 1925/26 den Clubsessel B3 entwarf. Der Überlieferung nach brachte ihn der Lenker seines Fahrrads auf die Idee, Möbel aus gebogenem Stahlrohr zu bauen. Bespannt war der Sessel ursprünglich mit Eisengarn, einem gewachsten, sehr reißfesten Baumwollgewebe. Gefertigt wurde er zunächst von Standard-Möbel in Berlin, später von Thonet.
LC4
Die Chaiselongue LC4 entstand 1928 im Atelier von Le Corbusier in Zusammenarbeit mit Pierre Jeanneret und Charlotte Perriand, zunächst für die Villa Church in Ville-d'Avray. 1929 war sie auf dem Pariser Salon d'Automne zu sehen. Die Liegefläche ruht verschiebbar auf einem Untergestell, sodass sich der Neigungswinkel ohne Mechanik verändern lässt. Seit 1965 produziert Cassina die Liege.
Barcelona Chair
Für den Deutschen Pavillon der Weltausstellung 1929 in Barcelona entwarfen Ludwig Mies van der Rohe und Lilly Reich einen Sessel, der den Rang des Ortes widerspiegeln sollte. Sein Gestell aus zwei gekreuzten Bögen erinnert an antike Scherenstühle. Heute fertigt Knoll den Barcelona Chair; Logo und Signatur des Architekten sind in das Gestell gestempelt.
Butterfly Chair
1938 entwickelten die Architekten Antonio Bonet, Juan Kurchan und Jorge Ferrari-Hardoy in Buenos Aires einen Sessel aus einem gebogenen Stahlgestell und einer eingehängten Bespannung. Aus ihren Initialen wurde der Name BKF. Das Museum of Modern Art in New York nahm ihn in seine Sammlung auf, Knoll führte ihn ab 1947 im Programm. Seither wurde er unzählige Male nachgebaut.
Holz, Schalen und Nachkriegsoptimismus: 1949 bis 1958
Wishbone Chair
Hans J. Wegner ließ sich für den CH24 von chinesischen Stühlen der Ming-Zeit inspirieren. Die Y-förmige Rückenlehne gab ihm den Namen. Seit 1950 fertigt Carl Hansen & Søn den Stuhl, die Sitzfläche aus Papierkordel wird von Hand geflochten.
Eames Lounge Chair
Charles und Ray Eames kombinierten 1956 Schalen aus Formsperrholz mit Lederpolstern. Charles Eames wünschte sich den warmen, einladenden Charakter eines gut eingetragenen Baseballhandschuhs. Seinen ersten großen Auftritt hatte der Sessel im US-Fernsehen, in der NBC-Sendung „Home“. Hergestellt wird er von Herman Miller, für Europa seit 1957 von Vitra.
Tulip Chair
Eero Saarinen wollte den „Wirrwarr der Beine“ unter Tischen und Stühlen beseitigen. Sein Stuhl auf einem einzigen Fuß entstand 1955/56 für Knoll. Weil die Technik seiner Zeit keinen Guss aus einem Material erlaubte, besteht die Schale aus glasfaserverstärktem Kunststoff und der Fuß aus Aluminiumguss, farbgleich beschichtet.
Egg Chair
Arne Jacobsen gestaltete das SAS Royal Hotel in Kopenhagen bis ins Detail. Für dessen Lobby entwarf er 1958 den Egg Chair, eine schützende, gepolsterte Schale auf einem Drehfuß. Im selben Projekt entstand der Swan Chair. Beide fertigt Fritz Hansen.
Kunststoff und Sonne: Panton und Acapulco
Panton Chair
Verner Panton arbeitete viele Jahre an der Idee eines Stuhls aus einem einzigen Stück Kunststoff, ohne Beine im herkömmlichen Sinn. Ab 1963 entwickelte er ihn gemeinsam mit Vitra zur Serienreife, 1967 wurde der Freischwinger erstmals öffentlich gezeigt. Seit 1990 produziert Vitra den Stuhl.
Acapulco Chair
Der Acapulco Chair ist das Gegenbeispiel zur Autorenikone. Er tauchte in den 1950er-Jahren in Acapulco auf, wer ihn entworfen hat, ist nicht belegt. Erzählungen über einen französischen Urlauber, der sich an Hängematten orientiert habe, gelten als Legende. Ein Stahlgestell, mit Kunststoffschnüren bespannt, luftig und leicht: Er ist ein Klassiker des Lebens im Freien.
Klassiker heute: Lizenz, Pflege, Kombination
Wer einen Klassiker kauft, kauft auch eine Geschichte. Lizenzhersteller fertigen nach den Originalplänen, kennzeichnen ihre Stücke und dokumentieren Änderungen. Woran Sie ein Original erkennen und was das Urheberrecht dazu sagt, lesen Sie im Beitrag Original oder Kopie?
- Pflege: Leder regelmäßig mit dem vom Hersteller empfohlenen Mittel pflegen, verchromtes Stahlrohr nur feucht abwischen und trocknen.
- Licht: Anilinleder und Naturbespannungen vor direkter Mittagssonne schützen.
- Kombination: Ein Klassiker wirkt am stärksten, wenn er Raum bekommt. Ein ruhiges Sofa, ein Teppich aus Naturfaser und ein Tisch aus Stein geben ihm den passenden Rahmen.
Welche Klassiker zu Ihrem Wohnstil passen, zeigt der Stilfinder.



