Kaum ein Bereich wird so häufig kopiert wie die großen Möbelklassiker des 20. Jahrhunderts. Im Netz finden sich Sessel, die aussehen wie ein Barcelona Chair, für einen Bruchteil des Preises. Manchmal ist auf den ersten Blick kaum ein Unterschied zu erkennen, auf den zweiten umso mehr. Dieser Beitrag zeigt, woran Sie Originale erkennen, warum Lizenzen eine Rolle spielen und was das Urheberrecht dazu sagt. Er gibt einen Überblick und ersetzt keine Rechtsberatung.
Lizenz: wer einen Klassiker bauen darf
Viele Designklassiker werden heute von Herstellern gefertigt, die die Rechte von den Gestaltern oder deren Erben erhalten haben. Diese Lizenzhersteller arbeiten nach den Originalplänen, stimmen Änderungen ab und kennzeichnen ihre Produkte. Einige Beispiele:
| Entwurf | Gestaltung | Lizenzhersteller heute |
|---|---|---|
| Barcelona Chair, Wassily Chair, Tulip Chair | Mies van der Rohe, Marcel Breuer, Eero Saarinen | Knoll |
| LC-Kollektion, etwa LC2 und LC4 | Le Corbusier, Pierre Jeanneret, Charlotte Perriand | Cassina |
| Eames Lounge Chair | Charles und Ray Eames | Herman Miller, in Europa Vitra |
| Panton Chair | Verner Panton | Vitra |
| Egg Chair, Swan Chair | Arne Jacobsen | Fritz Hansen |
| Wishbone Chair CH24 | Hans J. Wegner | Carl Hansen & Søn |
| Arco | Achille und Pier Giacomo Castiglioni | Flos |
Lizenzen sind zudem oft regional aufgeteilt: Den Eames Lounge Chair fertigt für Europa und den Nahen Osten Vitra, für andere Märkte Herman Miller. Selbst der Name kann geschützt sein. Die Markenrechte am Namen „Wassily“ liegen bei Knoll. Formulierungen wie „im Stil von“, „inspiriert von“ oder „Reproduktion“ in einem Angebot sind deshalb bereits ein deutlicher Hinweis, dass es sich nicht um ein lizenziertes Produkt handelt.
Kennzeichen des Originals
Lizenzhersteller versehen ihre Möbel mit Merkmalen, die sich prüfen lassen. Welche das sind, unterscheidet sich je nach Marke und Produktionsjahr.
- Knoll: Beim Barcelona Chair sind das Knoll-Logo und die Signatur des Architekten in das Gestell gestempelt.
- Cassina: Stücke der Kollektion „Cassina I Maestri“ tragen die Signatur des Gestalters, das Logo der Kollektion und eine Produktionsnummer, die mit einem beiliegenden Identitätsausweis übereinstimmt.
- Fritz Hansen: Seit 2006 gefertigte Polstermöbel tragen ein Etikett des Herstellers, Egg Chairs werden mit einem Echtheitszertifikat ausgeliefert.
- Allgemein: Etiketten, Prägungen oder Seriennummern sowie eine Rechnung eines autorisierten Händlers.
Bei älteren Stücken sehen diese Merkmale anders aus. Frühe Möbel von Herman Miller etwa trugen Papieretiketten, die mit der Zeit verblasst oder verloren gegangen sein können. Ein fehlendes Etikett allein ist bei einem Vintage-Stück deshalb noch kein Beweis für eine Kopie, ein Etikett allein aber auch kein Beweis für ein Original.
Material, Verarbeitung und Preis als Signale
Auch ohne Etikett verraten sich Kopien oft im Detail. Lizenzhersteller sparen nicht an Stellen, die man nicht sofort sieht, Kopien dagegen gerade dort.
- Proportionen: Kopien weichen häufig in Sitzhöhe, Neigung oder Radien ab. Legen Sie die Maße des Originals neben die Angaben des Angebots.
- Gewicht: Abweichungen sind auffällig, in beide Richtungen. Fritz Hansen weist etwa darauf hin, dass Kopien oft deutlich schwerer sind als das Original.
- Metall: unsaubere Schweißnähte, fleckige Verchromung, sichtbare Schraubverbindungen, wo das Original verschweißt ist.
- Leder und Polster: Kunstleder statt Leder, minderwertiger Schaum, schief laufende Nähte, Geruch nach Lösemitteln.
- Preis: Ein Neupreis weit unter dem des Lizenzherstellers ist das stärkste Warnsignal. Angebote wie „Messeware zum Bruchteil“ sollten Sie besonders sorgfältig prüfen.
Dass Originale ihren Preis haben, hat nachvollziehbare Gründe: Lizenzgebühren an Gestalter, Erben oder Stiftungen, kleinere Serien, viele Arbeitsschritte von Hand, geprüfte Materialien und ein Service, der Ersatzteile und Aufarbeitung über lange Zeit ermöglicht.
Ein Original ist nicht nur eine Frage des Prestiges. Es ist auch eine Frage der Haltbarkeit, der Ersatzteilversorgung und der Möglichkeit, ein Möbel über Jahrzehnte aufarbeiten zu lassen.
Was das Urheberrecht sagt
In Deutschland können Möbel als Werke der angewandten Kunst urheberrechtlich geschützt sein, wenn sie eine persönliche geistige Schöpfung darstellen. Lange Zeit legte die Rechtsprechung dafür bei Gebrauchsgegenständen eine höhere Messlatte an als bei bildender Kunst. Mit dem Urteil „Geburtstagszug“ vom 13. November 2013 (Az. I ZR 143/12) hat der Bundesgerichtshof diese Unterscheidung aufgegeben. Seither gelten für angewandte Kunst grundsätzlich keine strengeren Anforderungen als für andere Werke.
Auch der Vertrieb über Grenzen hinweg ist geregelt. Im Fall „Donner“ entschied der Europäische Gerichtshof am 21. Juni 2012 (C-5/11), dass der Verkauf von Nachbauten geschützter Bauhaus-Möbel an Kunden in Deutschland verfolgt werden kann, auch wenn die Ware aus einem Land stammt, in dem sie nicht geschützt war. Daneben können eingetragene Designs, die bis zu 25 Jahre Schutz bieten, und Marken eine Rolle spielen. Bei Bestellungen aus Ländern außerhalb der EU kann der Zoll Sendungen zurückhalten, wenn der Verdacht auf Verletzung geistigen Eigentums besteht.
Für Käuferinnen und Käufer heißt das vor allem: Ein seriöser Händler nennt den Hersteller, legt eine ordentliche Rechnung bei und kann Fragen zur Lizenz beantworten. Bleiben diese Fragen unbeantwortet, ist Vorsicht geboten.
Nicht jedes Möbel ist geschützt. Beim Acapulco Chair etwa ist der Urheber unbekannt, er wird von vielen Herstellern gefertigt. Für die Beurteilung eines konkreten Falls ist der Rat einer Fachanwältin oder eines Fachanwalts für Urheberrecht maßgeblich.
Vintage und Second Hand sicher kaufen
Gebrauchte Originale sind eine schöne Möglichkeit, einen Klassiker mit Geschichte zu besitzen. Hier gelten eigene Regeln:
- Herkunft dokumentieren: Fragen Sie nach Originalrechnung, Zertifikat oder Herkunft des Stücks.
- Etiketten der Epoche kennen: Hersteller haben Etiketten und Prägungen über die Jahrzehnte verändert. Ein modernes Etikett an einem angeblich frühen Stück ist ein Widerspruch.
- Restaurierung offenlegen lassen: Neue Polster oder Bezüge sind legitim, sollten aber genannt werden.
- Bei Zweifeln prüfen lassen: Erfahrene Händler, Auktionshäuser oder der Hersteller selbst können Hinweise geben.
Mehr über die Entstehung der großen Entwürfe lesen Sie im Beitrag Designklassiker: Ikonen und ihre Geschichte.



